Medien sind überall.
Laut den Ermittlungen der zuständigen Behörden soll ich 2010 in Indien gewesen sein und soll dort den Dalai Lama getroffen haben. Die Geschäftsleitung meines Arbeitgebers, der Südchinesischen Zeitung, warf mir daraufhin vor, ohne Erlaubnis im Ausland gewesen zu sein. Man teilte mir mit, dass ich die Konsequenzen dafür tragen müsse und keine Hilfe von Seiten der Zeitung erwarten könne.
Mit „zuständigen Behörden“ ist die übergeordnete Behörde der nationalen Sicherheit gemeint. Die Ermittlungen und deren Ergebnisse wundern mich sehr. Ich bin 2010 nicht in Indien gewesen. Zu einem früheren Zeitpunkt war ich zwar dort, habe aber den Dalai Lama nicht getroffen. Die Verleumdungen verdanke ich wohl meinen früheren kritischen Artikeln zur Tibetpolitik der chinesischen Regierung.
Nach Durchsicht meines Reisepasses war der Fall auch meinem Arbeitgeber klar. Aber niemand entschuldigte sich bei mir. Stattdessen machte man mich und meine kritischen Artikel für den Druck verantwortlich, unter den die Zeitung gesetzt wurde. Die Geschäftsleitung schlug mir vor, ich solle mich ruhig verhalten und für ein oder zwei Jahre das Schreiben einstellen, damit ich meine Arbeitsstelle behalten könne. Ich lehnte ab. Die Leitung der Zeitung überließ die Entscheidung über meinen Verbleib der Unternehmensgruppe „Zeitungsgruppe Südchinas“.
Am nächsten Tag wurde ich vom Chefredakteur zu einem Gespräch eingeladen und erhielt die Information, die Unternehmensgruppe habe rechtlich bereits alles geklärt. Mein Arbeitsverhältnis ginge vertragsgemäß zu Ende. Da für mich keine geeignete Stelle gefunden wurde, wurde der Arbeitsvertrag nicht mehr verlängert. Es war der 27. Januar 2011. Ich war bereits über 40 Jahre alt und verlor zum zweiten mal meinen Job. Vor 10 Jahren wurde ich aus dem gleichen Grund entlassen. Obwohl ich natürlich sehr bekümmert war, fühlte ich mich auch befreit. Als ich noch jung war, hatte ich viel Energie und viele Träume und hatte verschiedene Projekte durchgeführt. Mittlerweile war ich meinem Beruf jedoch längst überdrüssig geworden.
Die Südchinesische Zeitung ist ein beliebter Arbeitgeber für Journalisten. Als ein Teil des Systems besitzt sie aber auch alle Schwächen, die starre Bürokratie und übertriebene Regierungstreue mit sich bringen. Wegen der Auswirkung der hierdurch bedingten Auslese werden die Idealisten nicht befördert. Oder sie werden kalt gestellt, nachdem sie „Fehler“ gemacht haben. Anders als in anderen Medien wird in der Südchinesischen Zeitung der Widerspruchsgeist von Journalisten der unteren und mittleren Schicht kultiviert und fortgeführt. Sie nehmen Kritik, Strafe und sogar Entlassung in Kauf, operieren an den Rändern des Möglichen und kämpfen für die Pressefreiheit.
Sympathisanten der Südchinesischen Zeitung behaupten, dass diese keine andere Wahl habe. Der eigentlich schuldige sei ein gewisser Herr Cai, der stellvertretende Kommunikationsminister. Mehrmals gab dieser Anweisungen, meine Artikel zu verbieten und mich zu entlassen. Wie ich bereits ausländischen Journalisten gegenüber geäußert habe, möchte ich Herrn Cai nicht zu Unrecht beschuldigen, aber falls sich die Gerüchte belegen lassen, würde ich Klage gegen ihn erheben und mein Recht auf Arbeit und Meinungsfreiheit einfordern. Hierin werde ich von den Rechtsanwälten Herrn Zhang und Herrn Pu unterstützt.
Es ist eine Besonderheit des Systems, dass der Drahtzieher im Verborgenen agieren kann. Es ist kaum möglich, ihm die Schuld zu beweisen. Gleichzeitig bin ich mir nicht im Klaren über mögliche Hintermänner. Vielleicht hatte Herr Cai gar keine andere Wahl.
Hannah Arendt beschreibt die Alltäglichkeit des Bösen damit, dass die begangenen Fehler und Straftaten in einem System durch das dienstliche Verhalten gerechtfertigt werden. Genau das durchzieht die heutige chinesische Gesellschaft in einer sogar noch komplexeren Form.
Am Nachmittag meiner Kündigung wurde mir plötzlich bewusst, dass mehrere zehntausend Menschen mittels Twitter und Microblogs über meine Entlassung diskutierten. Innerhalb eines Tages war meine Anhängerschaft im Netz um zehntausend angewachsen. Einer von ihnen startete eine Aktion zur solidarischen Unterschriftensammlung. Bisher wurden 2471 Unterschriften gesammelt. Ein anderer rief zur einer fünfzig Cent Geldspende auf in Reaktion auf die sogenannte Fünfzigcentpartei, die regierungstreue Autoren finanziell unterstützt. Bislang wurden 8559,17 Yuan gespendet. Der Großteil der einzelnen Spenden waren fünfzig cent. Somit haben sich über zehntausend Menschen an der Aktion beteiligt.
Drei Tage später wurde Sina, Chinas bedeutendster Provider von Internetdiensten, gezwungen, meinen Microblog zu schließen. Einige andere Blogs wurden ebenfalls geschlossen, die häufig über „Changpings Entlassung“ diskutiert hatten. Selbstverständlich tauchten trotzdem neue Texte im Internet auf, die für Aufsehen sorgten. Hierin sehe ich eine neue Art des Kampfes. Es bewegt mich sehr, wie Tausende von Internet Benutzern einerseits für mich ihre Solidarität bekunden, andererseits ihre eigene Meinungsfreiheit einfordern.
Dies ließ mich meine Haltung zum System überdenken. Ich unterscheide nicht zwischen innerhalb und außerhalb des Systems oder traditionellen und neuen Medien. Wichtig ist das Bewusstsein zur eigenen Unabhängigkeit.
Am Ende der Kurzgeschichte von Kafkas „Ein Hungerkünstler“ wurde ein lebhaftes, aber im Käfig gehaltenes Raubtier beschrieben:
„Es war eine selbst dem stumpfsten Sinn fühlbare Erholung, in dem so lange öden Käfig dieses wilde Tier sich herumwerfen zu sehn. Ihm fehlte nichts. Die Nahrung, die ihm schmeckte, brachten ihm ohne langes Nachdenken die Wächter; nicht einmal die Freiheit schien er zu vermissen; dieser edle, mit allem Nötigen bis knapp zum Zerreißen ausgestattete Körper schien auch die Freiheit mit sich herumzutragen; irgendwo im Gebiß schien sie zu stecken;“
Ich wäre gerne so ein Raubtier. Aber in der Tat bin ich nur ein Chinese, der vom System erzogen, gleichzeitig von dem System erpresst und als Geisel genommen wird.
Wenn ich von meinem beruflichen Werdegang spreche, erwähne ich selten meinen ersten Job. Damals hatte ich mich an einer Zeitschrift beteiligt, die Marktanalysen für kleine Unternehmer bereitstellte. Auch meinen zweiten Job erwähne ich nicht oft. Es handelte sich um eine allgemeine Zeitung. Ich hatte die Zeitung von einem Mittelsmann angemietet und war stellvertretender Lektor. 2 Monate später war alles beendet, weil ich keinen Sponsor gefunden hatte.
Die zwei Zeitschriften haben meine Arbeitserfahrung und meine Wahrnehmung über Medien geprägt. Aber ich habe selten darüber gesprochen, weil es sich um unbekannte Zeitschriften handelte. Andererseits war ich zwei Monate bei CCTV als Chefredakteur einer Rubrik angestellt. Der Arbeitgeber mag zwar glamourös erscheinen, die Arbeit war für mich jedoch unbefriedigend und ich sah meinen Beitrag als unwesentlich an. Ich war bloß ein Durchreisender, obwohl es sich in meinem Lebenslauf gut macht. Dafür schäme ich mich.
Wenn ich an die zwei Zeitschriften denke, ähneln sie einem gelöschten Blog. Aus Sich des Systems sind sie ausgelöscht und haben keine Wirkung mehr. Laut der Erziehung durch das System sind sie wertlos. Aber die Realität ist anders. Meine Zeitschriften sowie mein Blog wurden zwar geschlossen, ihre Wirkung hält jedoch an. Das macht Sinn und gibt Kraft.
Etwa 10 Stunden bevor meine Kündigung bekannt gegeben wurde, habe ich einen neuen Artikel in meinen Blog eingefügt, „Überall gibt es die Aprikosenterrasse“. Der Titel bezieht sich auf einen provisorischen Ort an dem Konfuzius seinen Schülern Unterricht gab. In meinem Artikel ging es um einen langjährigen Lehrerfreund, der 20 Jahre kostenlos zuhause in seiner Freizeit Nachhilfeunterricht gegeben hatte. Als er drei Jahre lang keine Räume zur Verfügung hatte, fand der Unterricht auf einer Wiese statt. Das erinnert mich an die Aprikosenterrasse von Konfuzius und an Sarnath, wo Siddhartha Gautama in einem Wildpark seine Erleuchtung erlangte. Ich habe geschrieben: Wenn wir das Wissen mit anderen teilen möchten, finden wir überall die Aprikosenterrasse. Wenn wir lernen möchten, finden wir überall die Sarnath.
Ich habe die Medien des Systems verlassen und wurde dadurch aber nicht von Fesseln befreit, weil ich die nie getragen habe. Aber mir wurde ein Podium dadurch entzogen, das ich damals für sehr wichtig gehalten habe. Jetzt weiß ich, dass es immer Möglichkeiten gibt, sich auszudrücken. Wenn wir uns mitteilen wollen, existieren überall die Medien.
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